
Im Jahr 2013 sprach die damalige Bundeskanzlerin Angela Merkel einen Satz gelassen in die Kameras, der sofort in die deutsche Digitalgeschichte einging:
„Das Internet ist für uns alle Neuland.“
Das Netz hat lauthals gelacht. Es hagelte Spott, Häme und unzählige Memes auf Social Media.
Einer, der damals nicht gelacht hat, war Dr. Ralf Lauterbach.
Er blickte hinter den medialen Shitstorm und stellte sich eine viel unbequemere, strategische Frage: Wenn unsere Bundeskanzlerin das Internet im Jahr 2013 noch als Neuland wahrnimmt – wie dramatisch sieht der digitale Wissensstand dann erst in den Vorständen und Aufsichtsräten deutscher Unternehmen aus?
Aus dieser Erkenntnis heraus handelte er und legte den Grundstein für eine Bewegung zur Stärkung der digitalen Governance im Mittelstand und in Konzernen.
80 % der Führungskräfte haben keine Ahnung, was KI wirklich kann
Über ein Jahrzehnt später saß ich mit Dr. Ralf Lauterbach zusammen und wir zogen eine ehrliche Zwischenbilanz zur aktuellen technologischen Transformation unseres Landes.
Seine Einschätzung zur Lage der Führungsetagen traf den Nagel auf den Kopf:
„Marcel, 80 % der Führungskräfte da draußen haben bis heute keine Ahnung, was Künstliche Intelligenz wirklich leisten kann.“
Die Parallele zum Jahr 2013 ist erschreckend: Nur heißt das Phänomen diesmal nicht mehr „Internet“. Diesmal heißt das Thema Agentic AI, Automatisierung und generative Sprachmodelle.
Und es gibt einen fundamentalen, gefährlichen Unterschied zu damals: Wir haben diesmal keine 20 Jahre Zeit, um den Rückstand gemütlich aufzuholen. Wie wir bereits in unserem Realitätscheck „Platz 50 von 50: Warum Deutschlands KI-Zögerlichkeit uns den Wohlstand kostet“ analysiert haben, skaliert die globale Konkurrenz im Sekundentakt. Wer heute verharrt, wird morgen schlichtweg vom Markt gefegt.
Die Hoffnung: Aufsichtsräte und Beiräte übernehmen Verantwortung
Was mich trotz dieser deutlichen Zahlen extrem hoffnungsvoll stimmt? Ein spürbarer Wandel an der Spitze der Organisationen.
Zahlreiche Mitglieder des Vereins Deutsche Digitale Beiräte e.V. sitzen heute bereits aktiv in unseren Weiterbildungen bei academy4.ai. Diese Top-Manger und Kontrollgremien haben eines verstanden: KI-Kompetenz (AI Literacy) fällt nicht vom Himmel und kommt nicht von alleine.
Man kann sie nicht an die IT-Abteilung delegieren, und man kann sie nicht aussitzen. Man muss sie sich aktiv, strukturiert und praxisnah aneignen.
Das ist der exakte Scheideweg der modernen Wirtschaft:
Führungskräfte, die gestalten: Sie investieren in ihr eigenes KI-Verständnis, um Systeme strategisch zu steuern, Chancen zu nutzen und Risiken souverän zu managen.
Führungskräfte, die gesteuert werden: Sie ignorieren die Entwicklung, verharren in der Beobachterrolle und werden in wenigen Jahren von Algorithmen und KI-affinen Mitbewerbern ersetzt.
Fazit: KI-Kompetenz ist keine Zusatzqualifikation mehr
Künstliche Intelligenz ist im Jahr 2026 kein optionales IT-Projekt und kein nett gemeintes Seminar für die Personalentwicklung. KI-Kompetenz ist die neue Grundvoraussetzung für zukunftsfähige Führung.
Wer Aufsichtsräte, Beiräte und Vorstände nicht umgehend KI-fit macht, verspielt das Fundament des eigenen Unternehmens. Wir dürfen Künstliche Intelligenz in Deutschland nicht wieder als „Neuland“ abstempeln. Wir müssen sie zum Standard unserer Führungskultur machen.
Wie wir in unserem Leitfaden zu Artikel 4 des EU AI Acts gezeigt haben, ist der kontinuierliche Aufbau dieser Expertise nicht nur ökonomisch klug, sondern mittlerweile auch rechtliche Pflicht für jede Organisation im europäischen Wirtschaftsraum.
Wie steht es um die KI-Kompetenz in den Führungsgremien deines Unternehmens? Seid ihr bereits aktiv am Gestalten – oder hofft ihr noch, dass der Trend vorüberzieht?